Heute werden wir anfangs auf dem Weg nach Calais die letzten zwei knackigen und ein paar kleinere Anstiege bewältigen und dann geht es zurück ins Flachland. Bei einer Sache sind Marion und ich uns inzwischen einig: richtige Bergziegen werden wir wohl nie – jedenfalls nicht ohne Motorunterstützung. Ja, es ist ein Stück weit jammern auf hohem Niveau, aber ein kleiner Motor am Fahrrad erschließt einem noch einmal zusätzlich mögliche Orte und macht es im übrigen deutlich leichter. In der Ebene ist er sicher nicht nötig.

Wir werden heute wieder auf dem EV4 unterwegs sein, bis Dunkerque bzw. Malo-les-Bains soll die heutige fast 76 km lang sein. Soviel haben wir schon lange nicht mehr an einem Tag gefahren. Aber ca. 60 km davon sind „platt wie Holland“, von daher wird das schon klappen.

Anfangs verläuft die Route noch an der D entlang, kurz hinter „Wissant“ geht es dann in die Felder und was wir vor uns sehen, lässt uns kurz den Atem anhalten: auf den ersten Blick ist in einiger Entfernung ein Anstieg zu sehen, der es scheinbar in sich hat. Beim Näherkommen sieht man dann aber, dass es nur aus der Ferne so schlimm ausgesehen hat. Manche Dinge muss man anscheinend doch aus der Nähe betrachten, es geht zwar stramm bergan (ca. 10%), aber nichts, was wir nicht vorher schon mal gehabt haben.

Hinter dem Kamm geht es dann wieder rasant nach unten ins Dorf „La Haute Escalles“, danach kommt dann der letzte Berg unserer Reise, der, obwohl die „Passhöhe“ insgesamt höher liegt, allerdings deutlich weniger steil als der erste ist, dafür ist die Auffahrt natürlich nicht unwesentlich länger. Aber auch das bewältigen wir und haben von oben dann einen sehr weiten Blick ins Land, unten vor uns liegt Calais. Und quasi unter uns, in der Erde liegt der Ärmelkanal-Tunnel.

Abwärts geht es dann viel schneller als hinauf, auch wenn wir zwischendurch noch ein paar kleinere Anstiege überwinden müssen, bei manchen hilft dann der Schwung der vorherigen Abfahrt und das Ganze macht sogar irgendwie Spaß. Die Route führt zurück ans Meer durch „Sangatte“ und anschließend durch „Calais“.

Hinter der Stadt verläuft die Strecke dann am „Aéroport Calais-Dunkerque“ vorbei wieder in sehr ländlichen Bereiche, sehr angenehm zu fahren, durchgehend Asphalt in gar nicht mal so schlechter Qualität, es geht jedenfalls gut voran und die Umgebung ist auch noch schön anzusehen. Es wirkt hier nicht mehr ganz so ausgedörrt und verbrannt.

Die nächsten Orte sind „Oye-Plage“, „Gravelines“, „Loon-Plage“ bevor wir auf den Großraum „Dunkerque“ zufahren. Zwischen „Loon-Plage“ und „Grande-Synthe“ sehen wir überall an Straßenkreuzungen Einkaufswagen rumstehen, es sieht teilweise aus wie drapiert, wir fragen uns nur, was das soll. Als wir dann eine große Eisenbahnbrücke „rauffahren“, wo ebenfalls überall Wagen rumstehen, sehen wir dann auch den Grund: an einer der Bahnlinien unten entlang laufen Menschen wie Ameisen auf einer Ameisenstraße und oben und unten stehen immer mehr Einkaufwagen rum: Flüchtlinge, die in den Sträuchern und Büschen Lager aufgebaut haben und alles ist vermüllt.

Etwas mulmig ist uns dann schon, als wir durch mehrere Gruppen von jungen, erwachsenen Flüchtlingen durchfahren müssen, irrational vielleicht, aber vielleicht auch verständlich, da wir deutlichst in der Unterzahl waren…

Die weitere Fahrt in Richtung „Malo-les-Bains“ führt dann durch „Grande-Synthe“ und „Dunkerque“ und gehört wieder zu den unschönen Stadterfahrungen: man ist als Radfahrer maximal eine geduldete Randfigur, wortwörtlich an den Rand gedrängt, wirklich nicht schön. Kurz vor dem Campingplatz dann noch ein positiver Abschnitt: die Strecke führt parallel an einer Eisenbahnlinie entlang ohne Autoverkehr.

Am Camping „De La Licorne“ dann ein Schreck am Nachmittag: im Fenster hängt ein Schild: „Tente complete“ – sollten die tatsächlich keine Plätze für Zelte mehr frei haben? Aber die Anmeldung läuft dann problemlos, wir bekommen einen Platz zugewiesen, wo wir dann auch sofort das Zelt aufbauen, damit es noch trocknen kann.

Der Campingplatz selbst ist dann einer der eher unscheinbaren Plätze, einigermaßen gepflegt, aber Urlaub machen würden wir hier auch nicht wollen. Auch die Sanitärhäuser sind recht gepflegt und sauber.

Als wir uns später dann zu Fuß auf den Weg machen, ein Lokal an der Strandpromenade von Dunkerque (Dünkirchen) für unser Abendessen zu suchen, fängt es genau in der Zeit an zu regnen – wie schon oft in letzter Zeit gegen oder am Abend. Bislang ist uns das während der Fahrt unterwegs glücklicherweise erspart geblieben, wir hoffen, dass das so bleibt, jetzt „auf den letzten Kilometern“. Zum Glück ist es wieder nur ein kurzer Schauer.

Etwas Statistik

Zurückgelegte Tagesetappe: 76 km

Insgesamt geradelte Reise: 3831 km

Platten: 5

Dunkerque (05.09.2022)

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