Heute Morgen haben wir unseren persönlichen Rekord gebrochen, was die Abfahrtzeit betrifft: „schon“ um 9:30 Uhr hatten wir aufgesattelt und sind losgerollt. Die Höhenmeter von gestern kommen uns nun entgegen bzw. eigentlich schieben sie uns an (irgendwie auch eine Art von Rekuperation) und wir rollen quasi von selbst wieder zurück an den EuroVelo 17. Kurz vorher kaufen wir noch etwas Proviant ein, es liegt gerade sehr konsumig ein Lidl am Weg.

Die heutige Strecke sollte zwischen 65 und etwas über 70 km lang werden, je nachdem für welchen Campingplatz wir uns am Ende entscheiden. Nach Lidl läuft es am Anfang noch ganz gut, streckentechnisch nicht schön, weil wir durch bzw. am Rand einiger Vororte („Irigny“, „Vernaison“) von Lyon auf Landstraßen unterwegs sein müssen, es gibt hier aber keine wirklichen Alternativen ohne massig Höhenmeter. Bei „Vernaison“ wechselt der Weg auf die andere Seite der Rhône und danach sind wir bald aus allen Wolken gefallen: wir sollten allen Ernstes auf einem „Mountain-Bike-Trail“ am Steilufer entlang fahren

ca. 1 Meter breit (stellenweise deutlich weniger), belegt mit rotem Splitt wie auf einer Aschenbahn aber durchsetzt von groben Schotter und es geht auf und ab wie in einer Berg-und-Talbahn – Mountainbiker hätten wieder ihre wahre Freude daran.

Aber wir mit unseren schwerbeladenen Trikes haben nur geflucht. Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre tauchen auch noch regelmäßig Sperren auf (von Umlaufsperren will ich hier nicht reden), wo wir nicht durchpassen.

Nach einer Weile entscheiden wir uns auf dem etwas höher liegenden Grobschotterweg zu fahren. Nicht schön, aber für uns viel besser fahrbar als der Schrott in der Ufervegetation. Wie sollen wir so heute 65 km schaffen…

Nach etwa 3 km endet diese Katastrophe dann endlich – nachdem wir auch dort noch eine Seitentasche abnehmen müssen, weil man den „Ausgang“ so schmal gemacht hat, dass allenfalls schmal bepackte Aufrechträder durchpassen.

Den Glauben an den EV17 hatten wir zu dem Zeitpunkt schon verloren und es sollte gleich noch weitergehen. Direkt hinter dem Ende dieses Grauens führt der Weg über eine Landstraße unter eine Eisenbahnlinie durch, dann hoch nach „Ternay“ mit einigen Höhenmetern. Mich machte dann schon das Schild, auf dem sinngemäß „provisorische Route“ steht, skeptisch. Nach ca. 500 m durch den Ort sollte der gleich Mist wie vorhin wieder losgehen: Sperre und anschließend ein schmaler Mountainbiketrail.

Hier war dann für uns das Ende der Geduld erreicht: wir drehen um und kehren zur Landstraße vor der Bahnunterführung zurück, die laut Karte parallel zum Track geradewegs nach Givors führt, während der Track mal nach links mal nach rechts mäandert. Givors erreichen wir dann auch zügig auch wenn es an der Landstraße wiedermal nicht besonders nett war.

Entschädigt werden wir dann erst nach weiterem Rumgekurve in „Loire-sur-Rhône“. Hinter dem Ort wird der EV17 dann auf eine gut ausgebaute, vom übrigen Verkehr getrennte Fahrbahn geführt, bzw. in anliegenden kleinen Orten über Promenaden oder kleinen Uferstraßen. Hier lässt es sich jetzt wieder sehr gut fahren und wir machen richtig Meter.

Die Landschaft wird auch schöner, man hat wieder was fürs Auge und die Seele. So richtig schön wird es dann vor „Condrieux“. Zunächst fahren wir durch einen Landwirtschaftsbereich genannt „Île de la Chèvre“ (=Ziegeninsel) in dem viel Gemüse angebaut wird.

fbt

Und dann folgte ein wirklich toller Abschnitt neben der „Ile du Beurre“ (Butterinsel) durch ein waldiges Gebiet, wo der immer noch asphaltierte Weg sich durchschlägelt. Für Aufrechtradler ist es vielleicht etwas lästig, weil es alle paar Meter eine Umlaufsperre gibt. Diese ist allerdings auf einer Seite so hoch, dass wir mit den Trike locker drunterdurchrollen können –

OK wir sind mehr als nur gerollt:, als wir unsere Flaggen rausgenommen haben.

Dieser Abschnitt war wirklich eine Augenweide und hat Spaß gemacht, schon mehr als eine kleine Entschädigung für die Qualen zuvor.

In „Condriuex“ bei einer Fotopause halten dann zwei junge Damen mit Falträdern neben uns. Es stellte sich im Gespräch heraus, dass diese aus Kiel kommen und mit dem Zug nach Lyon gefahren sind um von dort ans Mittelmeer zu radeln. Wir erzählen noch eine Weile über unsere und sie über ihre Pläne, bevor sie sich verabschieden und auch wir unseren Weg fortsetzen. Solche Begegnungen sind irgendwie das sprichwörtliche Salz in der Suppe…

Hinter „Condrieux“ kommen wir weiter gut und zügig voran, der Weg ist, abgesehen von einigen bis vielen Wurzelaufbrüchen, gut zu fahren, das Tagesziel rückt wieder in erreichbare Nähe. Links und rechts tauchen jetzt immer wieder Weinberge auf, Ruinen auf den Gipfeln, einfach herrlich. Der Weg führt nahe des Ufers der Rhone entlang, schwenkt manchmal wieder durch kleine Baumanpflanzungen usw..

Letztlich haben wir unser Tagesziel doch noch erreicht, womit wir am Anfang überhaupt nicht mehr gerechnet haben, wir waren wieder einigermaßen mit dem EuroVelo 17 versöhnt und geben ihm eine zweite Chance. Der Campingplatz „Bois et Toiles“ liegt etwas versteckt am Rand von Saint-Rambert-d’Albon und scheint in den letzten Jahren grundlegend renoviert worden zu sein. Es gibt viele recht neue Hütten und feste Zeltpavillone, die man mieten kann. Die sanitären Anlagen sind ebenso neu und sauber. Also durchaus empfehlenswert, zumal der Preis auch im Rahmen ist, aber auch hier ist der Strom mit 4,20 Euro die Nacht ziemlich überteuert.

Heute Nacht haben wir zum zweiten Mal eine bzw. mehrere Nachtigallen singen hören. Das erste mal hat uns eine Frau in „Tournus“ darauf hingewiesen, da wussten wir noch nicht, dass es Nachtigall-Gesang ist, da wir das noch nie zuvor gehört hatten. Man lernt nie aus.

Etwas Statistik

Zurückgelegte Tagesetappe: 70 km

Insgesamt geradelte Reise: 1156 km

Platten: 2

Saint-Rambert-d’Albon (06.05.2022)

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